Inhaltsverzeichnis
- Welche Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis treten häufig auf?
- Welche psychischen Wirkungen sind möglich?
- Was passiert bei längerer Anwendung: Toleranz, Abhängigkeit, Entzug?
- Gibt es Risiken für Herz und Kreislauf?
- Welche Wechselwirkungen mit Medikamenten und Alkohol gibt es?
- Übersicht: Wichtige Wechselwirkungen
- Beeinflusst die Anwendungsart die Risiken?
- Unterscheiden sich die Präparate bei den Nebenwirkungen?
- Wovon hängen Wirkung und Nebenwirkungen ab?
- Was können Sie selbst tun, um Nebenwirkungen im Blick zu behalten?
- Wann sollten Sie ärztlichen Rat suchen?
- Häufige Fragen
- Quellen und Dokumente

Das Wichtigste in Kürze
- In der BfArM-Begleiterhebung (2017 bis 2022) traten Müdigkeit und Schwindel sehr häufig auf, schwerwiegende Nebenwirkungen waren selten.
- Bei längerer Anwendung entwickelt sich meist eine Toleranz, ein plötzliches Absetzen kann Entzugserscheinungen auslösen.
- Wechselwirkungen sind möglich: mit dämpfenden Mitteln wie Alkohol, Opioiden und Beruhigungsmitteln sowie über das Enzymsystem CYP450.
- Von der Anwendungsart Rauchen rät das BfArM ab, da beim Verbrennen Giftstoffe entstehen.
Welche Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis treten häufig auf?
Das BfArM hat zwischen April 2017 und März 2022 eine Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln durchgeführt. Aus dem Abschlussbericht vom 06.07.2022 (16.809 ausgewertete Datensätze gesetzlich Versicherter): Nebenwirkungen waren häufig, aber in der Regel nicht schwerwiegend. Müdigkeit und Schwindel traten sehr häufig auf, Schwindel insbesondere bei Frauen. In einem Drittel der Fälle wurde die Therapie vor Ablauf eines Jahres abgebrochen, in 25,9 Prozent der Abbrüche waren Nebenwirkungen der Grund.
Die Techniker Krankenkasse beschreibt in ihrer Übersicht (Stand 10.01.2024) als häufige körperliche Nebenwirkungen von Cannabinoiden Müdigkeit, Schwindel, Herzrasen, Blutdruckabfall, trockenen Mund, verwaschene Sprache, reduzierten Tränenfluss, Muskelentspannung und gesteigerten Appetit. Seltener seien Übelkeit und Kopfschmerzen. Alle akut auftretenden unerwünschten Wirkungen vergehen laut TK ohne spezifische Therapie im Allgemeinen innerhalb von Stunden bis zu ein bis drei Tagen.
Welche psychischen Wirkungen sind möglich?
Die Wirkung wird häufig als entspannend erlebt, kann aber auch ins Gegenteil umschlagen. Zu den akuten Nebenwirkungen zählen nach der TK-Übersicht Missstimmung bis hin zu Depression, Angst oder Panik, Halluzinationen oder das Empfinden eines Kontrollverlustes. Die akute psychoaktive Wirkung kann außerdem Gedächtnisschwäche, verminderte psychomotorische oder kognitive Leistungsfähigkeit und eine gestörte Wahrnehmung zeitlicher Abläufe verursachen. Das ist auch für den Straßenverkehr und den Alltag relevant.
Bei Menschen mit einer Veranlagung zu psychischen Störungen kann Cannabis nach der TK-Übersicht in seltenen Fällen nach längerem Konsum eine schizophrene Psychose auslösen oder einen früheren Ausbruch begünstigen. Die TK berichtet, aktuelle Daten deuteten darauf hin, dass der Konsum von Cannabis das Risiko für Schizophrenie bei Erwachsenen verdoppeln könne, und schreibt, bei therapeutischer Anwendung seien solche Störungen bisher nur selten beobachtet worden. Diese Aussagen beziehen sich überwiegend auf Konsum, die Übertragung auf die ärztlich begleitete Therapie ist begrenzt. Eine psychische Vorerkrankung ist deshalb ein Thema für das ärztliche Gespräch (siehe Grenzen und Ausschlusskriterien).
Was passiert bei längerer Anwendung: Toleranz, Abhängigkeit, Entzug?
Nach länger dauernder Einnahme, zum Teil schon nach Tagen bis Wochen, entwickelt sich laut TK meist eine Toleranz: Wirkungen auf die Psyche, die Psychomotorik oder das Herz-Kreislauf-System nehmen ab. Diese Toleranzentwicklung ist nach der TK eine Ursache dafür, dass Cannabis abhängig machen kann. Entzugserscheinungen seien mit denen eines plötzlichen Rauchstopps vergleichbar und umfassten Schlaflosigkeit, Unruhe, Reizbarkeit, verminderten Appetit, Speichelfluss, vermehrtes Schwitzen oder Durchfall.
Das BfArM weist im Abschlussbericht der Begleiterhebung darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte bei der Therapieplanung mit Cannabisblüten die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit beachten sollten. Hintergrund waren sehr hohe THC-Dosen bei Blütenpatienten, ein hoher Männeranteil und ein geringes Durchschnittsalter in der Erhebung. Setzen Sie ein verordnetes Arzneimittel nicht eigenmächtig ab, sondern besprechen Sie Änderungen mit der behandelnden Praxis. Auch Hormonwirkungen wurden beschrieben: Bei Frauen wurden in Einzelfällen Zyklen ohne Eisprung, bei Männern eine Beeinträchtigung der Spermienbildung beschrieben. Weitere Langzeitfolgen lassen sich nach der TK auf Basis der aktuellen Studienlage noch nicht abschätzen.
Gibt es Risiken für Herz und Kreislauf?
Die Wirkung von Cannabinoiden auf die Gefäße kann bei vorbelasteten Personen das Herzinfarktrisiko erhöhen, so die TK-Übersicht. In Einzelfällen seien nach Cannabiskonsum kardiale Ischämien oder Herzinfarkte aufgetreten. Über lebensbedrohliche Komplikationen oder Todesfälle nach medizinischem Einsatz sei bisher nicht berichtet worden. Wenn Sie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung haben, gehört das in jedem Fall zur Anamnese vor einer Verordnung.
Welche Wechselwirkungen mit Medikamenten und Alkohol gibt es?
Cannabinoide werden über das Cytochrom-P450-System der Leber abgebaut. Nach einem Bericht der Pharmazeutischen Zeitung (08.12.2025) zu einem Fortbildungsvortrag eines Apothekers wird THC vor allem über die Enzyme CYP2C9 und CYP3A4 zu 11-Hydroxy-THC umgebaut, das stärker und länger wirkt als THC; der aktive Metabolit wird über CYP3A4 inaktiviert. Der Referent stufte THC und Cannabidiol (CBD) eher als „Opfer“ denn als „Täter“ ein: In moderaten Dosen beeinflussen sie andere Arzneistoffe nur wenig, ihre eigene Wirkung kann aber von anderen Mitteln erheblich verändert werden.
Starke CYP3A4-Induktoren wie Carbamazepin, Dexamethason oder Johanniskraut können die Spiegel nach diesem Bericht bis zur Unwirksamkeit senken, starke CYP3A4-Hemmer wie Clarithromycin, Ketoconazol oder Proteasehemmer sie um bis zu 250 Prozent erhöhen, was etwa zu starkem Erbrechen führen kann. Zu beachten seien außerdem additive dämpfende Effekte mit Alkohol, Benzodiazepinen, Opioiden sowie Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Das BfArM verweist für Wechselwirkungen und Kontraindikationen auf die Packungsbeilagen der Fertigarzneimittel und auf das ärztliche Gespräch.
Übersicht: Wichtige Wechselwirkungen
| Wechselwirkung | Möglicher Effekt (laut Pharmazeutische Zeitung, 08.12.2025) |
|---|---|
| Alkohol, Benzodiazepine, Opioide, Schlaf- und Beruhigungsmittel | Additive dämpfende Wirkung, stärkere Müdigkeit und Benommenheit |
| Starke CYP3A4-Induktoren (zum Beispiel Carbamazepin, Dexamethason, Johanniskraut) | Cannabinoid-Spiegel können bis zur Unwirksamkeit sinken |
| Starke CYP3A4-Hemmer (zum Beispiel Clarithromycin, Ketoconazol, Proteasehemmer) | Cannabinoid-Spiegel können um bis zu 250 Prozent steigen, mit entsprechenden Nebenwirkungen |
| Frei verkäufliches CBD | Kann in der Selbstmedikation unbemerkt mit verordneten Mitteln wechselwirken und gehört in die Medikamentenliste |
Beeinflusst die Anwendungsart die Risiken?
Das BfArM rät ausdrücklich vom Rauchen ab: Durch den Verbrennungsprozess entstünden Giftstoffe, die zu körperlichen Schäden führen können. Für die ärztliche Beratung nennt das BfArM, dass die Inhaltsstoffe von Cannabisblüten über spezielle Vaporisatoren inhaliert werden können, dass die Zubereitung als Tee weniger effizient ist und das Verbacken in Gebäck zwar möglich, die Therapie damit aber schwer steuerbar ist. Extrakte stehen zur oralen Anwendung zur Verfügung. Welche Darreichungsform für Sie in Betracht kommt, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Die Dosierung legt ebenfalls die Praxis fest; allgemeine Dosisangaben ersetzen die ärztliche Anweisung nicht.
Unterscheiden sich die Präparate bei den Nebenwirkungen?
Die Begleiterhebung des BfArM zeigt Unterschiede zwischen den Präparategruppen, die aber nur eingeschränkt vergleichbar sind, weil sich Patientengruppen, Dosierungen und Indikationen unterscheiden. Mit Cannabisblüten behandelte Patientinnen und Patienten bewerteten den Therapieerfolg grundsätzlich höher, brachen die Therapie seltener ab und gaben seltener Nebenwirkungen an. Lediglich die Nebenwirkung „euphorisierende Wirkung“ wurde dreimal häufiger berichtet als bei den anderen Cannabisarzneimitteln.
Das BfArM ordnet dies kritisch ein: Die mittlere Tagesdosis an THC lag bei Blüten in der Erhebung weit über dem, was bisher als therapeutische Dosierung wissenschaftlich untersucht und publiziert wurde. Zusammen mit dem hohen Männeranteil und dem geringen Durchschnittsalter der Blütenpatienten sei die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit bei der Therapieplanung zu beachten. Die Aussage bezieht sich auf die Datenlage bis 2022 und stellt keine Dosisempfehlung dar. Welche Menge für Sie vorgesehen ist, steht in der ärztlichen Dosierungsanweisung.
Wovon hängen Wirkung und Nebenwirkungen ab?
Nach der Übersicht der Techniker Krankenkasse hängen Wirkungen und Nebenwirkungen von mehreren Faktoren ab: von der Dauer der Einnahme, der Dosis und der Gewöhnung, außerdem von individuellen Aspekten. Welche Dosis nötig ist, damit die psychoaktive Wirkung eintritt, unterscheide sich von Mensch zu Mensch. Arzneimittel mit Dronabinol, Nabilon oder THC können demnach zu den gleichen Nebenwirkungen führen.
Die TK weist zudem darauf hin, dass sich Erkenntnisse zu Cannabis als Droge nicht ohne Weiteres auf Cannabis als Medizin übertragen lassen. Das hängt mit dem Anteil der Cannabinoide und mit der Frage eines geregelten Gebrauchs zusammen, außerdem werde der Konsum als Droge oft mit weiteren Substanzen wie Alkohol und Nikotin kombiniert. Wenn Sie Studien oder Medienberichte zu Risiken lesen, lohnt sich deshalb der Blick darauf, ob es um ärztlich begleitete Therapie oder um Freizeitkonsum ging.
Was können Sie selbst tun, um Nebenwirkungen im Blick zu behalten?
- Packungsbeilage und ärztliche Aufklärung lesen: Das BfArM verweist für Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Fertigarzneimittel auf die jeweilige Packungsbeilage.
- Ein kurzes Beschwerdetagebuch führen, damit die Praxis Muster erkennt (siehe Patienten-Tipps).
- Dosis und Einnahmeschema nur nach ärztlicher Anweisung ändern und nicht eigenmächtig absetzen, weil bei längerer Anwendung Entzugserscheinungen auftreten können.
- Alle Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und CBD-Produkte der Praxis und der Apotheke nennen.
- Zu Beginn der Therapie und nach jeder Dosisänderung besonders aufmerksam sein, etwa bei Müdigkeit und Schwindel, und Fahrten sowie gefährliche Tätigkeiten mit der Ärztin oder dem Arzt abstimmen.
Wann sollten Sie ärztlichen Rat suchen?
Suchen Sie ärztlichen Rat, wenn Beschwerden neu auftreten, stärker werden oder Sie im Alltag einschränken, wenn Sie Halluzinationen, Angst, Panik oder depressive Verstimmung bemerken, oder wenn Sie ein neues Medikament, auch ein frei verkäufliches, hinzunehmen. Außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei akuten Beschwerden wie Atemnot, Brustschmerzen oder Bewusstseinsstörungen wählen Sie die 112. Verdachtsfälle von Nebenwirkungen können Sie außerdem dem BfArM im Rahmen der Pharmakovigilanz melden.
Eine strukturierte Vorbereitung hilft, Nebenwirkungen im Gespräch zu schildern. Nutzen Sie dazu die Checkliste für das Arztgespräch und die Patienten-Tipps mit dem Beschwerdetagebuch.
Häufige Fragen
Häufig genannt werden Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und Konzentrationsstörungen. Welche Risiken für Sie gelten, klärt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt anhand Ihrer Situation und der Fachinformation.
Das hängt vom Einzelfall ab. Bei bestimmungsgemäßer Einnahme eines ärztlich verordneten Arzneimittels kann § 24a StVG eine Ausnahme vorsehen, Fahrunsicherheit bleibt aber strafbar. Sprechen Sie das offen mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt an.
In der BfArM-Begleiterhebung traten Müdigkeit und Schwindel sehr häufig auf. Die TK nennt außerdem Mundtrockenheit, Herzrasen, Blutdruckabfall und verwaschene Sprache. Schwerwiegend waren die Nebenwirkungen in der Erhebung in der Regel nicht.
Bei längerer Anwendung entwickelt sich meist eine Toleranz, und nach der TK-Übersicht kann Cannabis abhängig machen. Bei therapeutischer Anwendung wurden Abhängigkeit und Psychosen bisher selten beobachtet. Das BfArM mahnt bei Blüten zur Beachtung der Missbrauchsgefahr.
Alkohol kann die dämpfende Wirkung verstärken. Fachleute weisen auf additive sedierende Effekte mit Alkohol, Benzodiazepinen, Opioiden sowie Schlaf- und Beruhigungsmitteln hin. Sprechen Sie das Thema mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt an.
Nein. Das BfArM rät von der Anwendungsart Rauchen ab, weil beim Verbrennen Giftstoffe entstehen, die zu körperlichen Schäden führen können. Fragen Sie nach einer geeigneten Darreichungsform.
Genannt werden dämpfende Mittel sowie Mittel, die den Abbau über CYP3A4 oder CYP2C9 beeinflussen, etwa Carbamazepin, Johanniskraut, Clarithromycin oder Ketoconazol. Nennen Sie der Praxis und der Apotheke alle Medikamente, auch frei verkäufliche und CBD-Produkte.
Quellen und Dokumente
- Medizinisches CannabisBundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) · recherchiert 18.10.2026, Primärprüfung ausstehend
- Hinweise für Patientinnen und Patienten (Medizinisches Cannabis)BfArM · recherchiert 19.10.2026, Primärprüfung ausstehend
- Hinweise für Ärztinnen und Ärzte (Medizinisches Cannabis)BfArM · recherchiert 19.10.2026, Primärprüfung ausstehend
- Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Abs. 6 SGB V (06.07.2022)BfArM · recherchiert 19.10.2026, Primärprüfung ausstehend
- Cannabis: Nebenwirkungen akut und langfristig (Stand 10.01.2024)Techniker Krankenkasse · recherchiert 19.10.2026, Primärprüfung ausstehend (Sekundärquelle)
- Cannabis: Vorsicht vor Wechselwirkungen (08.12.2025)Pharmazeutische Zeitung · recherchiert 19.10.2026, Primärprüfung ausstehend (Sekundärquelle)
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117Kassenärztliche Bundesvereinigung · recherchiert 18.10.2026, Primärprüfung ausstehend


