Medizinisches Cannabis: Was die Studienlage belegt und was offen bleibt

Die Studienlage zu medizinischem Cannabis ist uneinheitlich: Für Spastik bei Multipler Sklerose und Übelkeit unter Chemotherapie gibt es Hinweise auf einen Nutzen, für chronische neuropathische Schmerzen fehlt hochwertige Evidenz, und fast überall ist die Sicherheit der Daten niedrig.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Wie lässt sich die Studienlage zu medizinischem Cannabis einordnen?
  2. Was ist bei chronischen neuropathischen Schmerzen belegt?
  3. Wie ist die Studienlage bei Spastik durch Multiple Sklerose?
  4. Was ist bei Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie belegt?
  5. Was zeigen übergreifende Auswertungen zu Schmerz, Übelkeit und Spastik?
  6. Was zeigt die BfArM-Begleiterhebung?
  7. Welche Effektgrößen nennen die Übersichtsarbeiten?
  8. Was ist über die Studien zu Multipler Sklerose noch bekannt?
  9. Wie sind die Patientengruppen der Begleiterhebung zu verstehen?
  10. Übersicht: Evidenz nach Anwendungsgebiet
  11. Was bedeuten die Stufen der Evidenzsicherheit?
  12. Woran erkennen Sie seriöse Studieninformationen?
  13. Welche Unsicherheiten bleiben?
  14. Was bedeutet das für Ihre Entscheidung?
  15. Häufige Fragen
  16. Quellen und Dokumente
Hand unterschreibt ein Formular am Schreibtisch

Das Wichtigste in Kürze

  • Neuropathische Schmerzen: Cochrane 2026 fand keine hochwertige Evidenz für eine bessere Wirkung als Placebo.
  • Spastik bei MS: Nabiximols verbessert die Spastik laut Cochrane 2022 wahrscheinlich, belegt auf kurze Sicht.
  • Übelkeit unter Chemotherapie: Hinweise auf Nutzen, aber überwiegend alte Studien mit niedriger Evidenz.
  • Die BfArM-Begleiterhebung beschreibt Praxisdaten, sie ist keine Wirksamkeitsstudie.
  • Nebenwirkungen sind häufig; die Sicherheit der Evidenz ist meist niedrig.

Wie lässt sich die Studienlage zu medizinischem Cannabis einordnen?

Aussagekräftig sind vor allem systematische Übersichtsarbeiten, die viele randomisierte, placebokontrollierte Studien zusammenfassen, etwa die der Cochrane Collaboration. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob ein Effekt gefunden wurde, sondern auch, wie sicher die Daten sind. Viele Cannabis-Studien sind klein, kurz und unterscheiden sich stark in Präparat und Dosis.

Erfahrungsberichte einzelner Personen und Praxisdaten zeigen, was in der Versorgung geschieht, belegen aber keine Wirkung, weil sie Placebo-Effekte und andere Einflüsse nicht herausrechnen können. Auf dieser Seite nennen wir deshalb keine Einzelberichte.

Was ist bei chronischen neuropathischen Schmerzen belegt?

Das Cochrane-Update von 2026 (Ateş und Kollegen, Federführung Winfried Häuser) wertete 21 Studien mit über 2.100 Erwachsenen aus. Verglichen wurden Cannabis-Präparate mit Placebo über 2 bis 26 Wochen. Ergebnis: Es gibt keine hochwertige Evidenz, dass Cannabis-Präparate Nervenschmerzen besser lindern als Placebo. Bei THC-CBD-Kombinationen fanden sich leichte Verbesserungen, die klinisch nicht bedeutsam waren.

Zu den Nebenwirkungen: THC-haltige Produkte gingen häufiger mit Schwindel und Müdigkeit einher, und mehr Teilnehmende brachen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. Die Datenlage dazu ist uneinheitlich, die Vertrauenswürdigkeit liegt zwischen gering und sehr gering. Das Ergebnis bedeutet nicht, dass keine Person profitieren kann, sondern dass sich ein Nutzen für die Gruppe nicht sicher belegen lässt.

Wie ist die Studienlage bei Spastik durch Multiple Sklerose?

Der Cochrane-Review von 2022 (25 randomisierte Studien, 3.763 Personen mit Multipler Sklerose) kommt zu einem anderen Ergebnis: Nabiximols, ein Mundspray, verbessert die Spastik wahrscheinlich. Der Effekt war auf kurze Sicht (bis etwa 14 Wochen) belegt, das Vertrauen in diese Aussage ist moderat. Abbrüche wegen unerwünschter Wirkungen könnten leicht häufiger sein, schwere Nebenwirkungen unterschieden sich vermutlich kaum von Placebo. Zu chronischen neuropathischen Schmerzen bei MS ist die Wirkung unklar: Es lag nur eine kleine Studie mit 48 Personen vor.

Das IQWiG sah 2018 in seiner Nutzenbewertung von THC/CBD-Extrakt bei mittelschwerer bis schwerer MS-Spastik einen Anhaltspunkt für einen Zusatznutzen gegenüber optimierter Standardtherapie. Das gilt für Patientinnen und Patienten, die auf andere Mittel nicht ausreichend ansprachen und in einer ersten Testphase eine klinisch relevante Besserung zeigten. Für „Schmerz durch Spastik“ ergab sich der Anhaltspunkt nur für Frauen. Ein Anhaltspunkt ist keine bewiesene Wirkung.

Was ist bei Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie belegt?

Der Cochrane-Review von 2015 (23 randomisierte Studien) fand, dass Cannabinoide Erbrechen und Übelkeit unter Chemotherapie gegenüber Placebo deutlich häufiger vollständig verhindern. Gegenüber dem Antiemetikum Prochlorperazin gab es keinen relevanten Unterschied. Teilnehmende bevorzugten die Cannabinoide meist. Die Autoren sahen einen möglichen Nutzen bei Übelkeit, die auf übliche Mittel schlecht anspricht.

Die Einschränkungen sind erheblich: Die Studien stammen aus den Jahren 1975 bis 1991, keine verglich mit neueren Mitteln wie Ondansetron, die Evidenz ist für die meisten Endpunkte niedrig. Häufiger berichtet wurden Schwindel, Sedierung, Dysphorie und Euphorie. Ob die Ergebnisse auf heutige Chemotherapie übertragbar sind, bleibt offen.

Was zeigen übergreifende Auswertungen zu Schmerz, Übelkeit und Spastik?

Ein Review von systematischen Reviews (2018) kam zu dem Schluss, dass die Evidenz für einen Nutzen überwiegend niedrig oder sehr niedrig ist. Ausnahme war die Übelkeit unter Chemotherapie gegenüber Placebo mit moderater Evidenz. Beim Schmerz sei die Datenlage unsicher und ein Nutzen gegebenenfalls klein: Die Verbesserung gegenüber Placebo lag auf einer Skala von 0 bis 10 bei etwa 0,4 bis 0,8 Punkten, und in großen, längeren Studien zeigte sich kein signifikanter Nutzen. Bei Spastik sahen die Autoren einen möglichen Nutzen, vor allem bei MS.

Auch die Nebenwirkungen fasst die Arbeit zusammen: Schwindel und Sedierung traten häufig auf, ein „High“-Gefühl berichteten 35 bis 70 % der Anwenderinnen und Anwender, psychotische Symptome vor allem Menschen ohne Cannabis-Vorerfahrung, wobei eine Untererfassung wahrscheinlich ist. Die Autoren folgern, der Nutzen müsse wegen der häufigen Nebenwirkungen deutlich sein, um einen Therapieversuch zu rechtfertigen.

Was zeigt die BfArM-Begleiterhebung?

Ärztinnen und Ärzte, die Cannabisarzneimittel zulasten der Krankenkasse verordneten, mussten bis 31.03.2022 an der Begleiterhebung des BfArM teilnehmen. Der Abschlussbericht vom 06.07.2022 wertet rund 21.000 Behandlungen seit 2017 aus. Über 75 % betrafen chronische Schmerzen, 9,6 % Spastik und 5,1 % Appetitlosigkeit. Patientinnen und Patienten mit Blüten waren im Schnitt 45,5 Jahre alt und zu mehr als zwei Dritteln männlich; sie erhielten deutlich höhere THC-Dosen und berichteten etwa dreimal so häufig über Euphorie.

Aus der Zwischenauswertung (10.010 Datensätze, Datenstand 11.05.2020): Bei Schmerzen bewerteten die Behandelnden 34 % der Patientinnen und Patienten als deutlich gebessert, 36 % als mäßig gebessert und 28 % als unverändert. 35 % beendeten die Therapie innerhalb eines Jahres, am häufigsten wegen unzureichender Wirkung. Diese Angaben sind Einschätzungen der Ärztinnen und Ärzte, sie lassen sich nicht von Placebo- oder Suchteffekten trennen. Die Erhebung erfasst weder Privatversicherte noch Selbstzahler und ist unvollständig, insbesondere bei Blütenpatienten. Die Autoren folgern, wegen der begrenzten Evidenz und des Nebenwirkungsprofils sollten Cannabisarzneimittel nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden.

Welche Effektgrößen nennen die Übersichtsarbeiten?

Der Review von systematischen Reviews (2018) beziffert Effekte mit der „Number needed to treat“ (NNT): Sie gibt an, wie viele Personen behandelt werden müssen, damit eine zusätzlich einen Nutzen hat. Ergänzend gibt es die „Number needed to harm“ (NNH) für Schäden. Die Zahlen stammen aus der Auswertung von 2018 und berücksichtigen neuere Studien nicht, darunter das Cochrane-Update von 2026.

BereichErgebnis laut Review 2018Sicherheit der Evidenz
Schmerz (≥30 % Schmerzreduktion)NNT 11 (etwa 39 gegenüber 30 % unter Placebo); Effekte in kleinen, kurzen Studien deutlich größer, große und längere Studien ohne signifikanten Nutzenniedrig bis sehr niedrig
Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie gegenüber PlaceboNNT 3 (etwa 47 gegenüber 13 %)moderat
Übelkeit und Erbrechen gegenüber AntiemetikaNNT 7niedrig
Spastik (globaler Eindruck)NNT 7 (etwa 50 gegenüber 35 %), vor allem bei Multipler Skleroseniedrig
Abbruch wegen NebenwirkungenNNH 8 bis 22überwiegend niedrig
Schwindel und Sedierungje NNH 5überwiegend niedrig

Was ist über die Studien zu Multipler Sklerose noch bekannt?

Der Cochrane-Review von 2022 schloss 25 randomisierte Studien mit 3.763 Personen ein, davon 2.290 mit Cannabinoiden behandelt. Die größte Studie umfasste 657, die kleinste 14 Personen. Bei Nabiximols war die Chance auf eine deutliche Besserung der Spastik etwa 216 Personen pro 1.000 höher als unter Placebo. Zu Störungen des Nervensystems und psychiatrischen Störungen vermerkt der Review, dass sie zunehmen könnten, und zur Gewöhnung (Toleranz) ist die Datenlage sehr unsicher. Die kurze Studiendauer schränkt die Aussagekraft insgesamt ein; die Literatursuche reichte bis Dezember 2021.

Wie sind die Patientengruppen der Begleiterhebung zu verstehen?

Die Zwischenauswertung stützt sich auf Meldungen der behandelnden Ärztinnen und Ärzte zu Patientinnen und Patienten, die zulasten der Kasse behandelt wurden. Die Teilnahme war für diese Verordnungen Pflicht, lief bis 31.03.2022 und ist nicht kontrolliert: Es gibt keine Vergleichsgruppe ohne Cannabis. Die Stichprobengröße war zu klein für belastbare Vergleiche der Präparate untereinander. Die Autoren der Zwischenauswertung folgern, Cannabisarzneimittel sollten nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden; die Erhebung selbst ist keine klinische Studie. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) nutzt die Ergebnisse laut Monitor Versorgungsforschung, um Regeln für Versorgung und Erstattung zu gestalten.

Übersicht: Evidenz nach Anwendungsgebiet

AnwendungsgebietBelegSicherheit der Evidenz
Chronische neuropathische SchmerzenKeine hochwertige Evidenz für bessere Wirkung als Placebo (Cochrane 2026)niedrig
Spastik bei Multipler SkleroseNabiximols verbessert Spastik wahrscheinlich, kurzfristig (Cochrane 2022)moderat
Übelkeit und Erbrechen unter ChemotherapieMögliche Wirkung, alte Studien (Cochrane 2015)überwiegend niedrig
Appetitlosigkeit und GewichtsverlustIn dieser Recherche nicht belegtnicht geprüft

Was bedeuten die Stufen der Evidenzsicherheit?

Cochrane-Reviews bewerten, wie sicher ein Ergebnis ist, in Stufen von hoch über moderat und niedrig bis sehr niedrig. „Moderat“ heißt, dass das tatsächliche Ergebnis wahrscheinlich nahe an der Schätzung liegt, aber abweichen kann. Bei „niedrig“ oder „sehr niedrig“ kann es deutlich abweichen, und neue Studien können das Bild ändern. Deshalb stehen auf dieser Seite Aussagen wie „wahrscheinlich“ oder „keine hochwertige Evidenz“ und keine Wirkversprechen. Eine niedrige Sicherheit bedeutet nicht, dass etwas nicht wirkt, sondern dass die Daten dafür nicht ausreichen.

Woran erkennen Sie seriöse Studieninformationen?

  • Es wird die Art der Studie genannt: randomisiert, placebokontrolliert, Beobachtung, Übersichtsarbeit.
  • Zahlen werden mit Studienzahl, Teilnehmerzahl und Dauer eingeordnet.
  • Unsicherheiten und Nebenwirkungen kommen vor, nicht nur Erfolgsmeldungen.
  • Einzelfälle und Erfahrungsberichte werden nicht als Beleg für eine Wirkung dargestellt.
  • Quellen sind prüfbar: Sie finden alle von uns genutzten Quellen im Quellenregister.

Welche Unsicherheiten bleiben?

  • Kurze Studiendauer: Die meisten Studien laufen Wochen bis wenige Monate, Therapien dauern oft länger.
  • Unterschiedliche Präparate: Ergebnisse zu einem Produkt lassen sich nicht ohne Weiteres auf Blüten übertragen.
  • Leitlinien: Eine Auswertung der aktuellen AWMF-Leitlinien nach Indikation war für diese Seite nicht möglich; wir nennen deshalb keine Empfehlungsgrade. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt nach der für Ihre Erkrankung geltenden Leitlinie.
  • Praxisdaten ersetzen keine Studien: Die Begleiterhebung belegt weder Wirksamkeit noch Sicherheit.
  • Stand der Dinge: Neue Reviews können Einschätzungen ändern, wie das Cochrane-Update von 2026 zeigt.

Was bedeutet das für Ihre Entscheidung?

Die Studienlage ersetzt kein ärztliches Gespräch. Sie erklärt aber, warum Ärztinnen und Ärzte Cannabis-Therapien als Einzelfallentscheidung behandeln und Verlaufskontrollen für wichtig halten. Wie eine Therapie abläuft, steht unter Cannabis-Therapie, einen Gesamtüberblick bietet Medizinisches Cannabis. Zu Risiken lesen Sie Nebenwirkungen und Risiken.

Häufige Fragen

Quellen und Dokumente