Cannabis Therapie: Ablauf, Verlaufskontrolle, Kosten und Rechtslage

Eine Cannabis Therapie ist eine ärztlich geführte Behandlung mit Cannabis zu medizinischen Zwecken: Sie beginnt mit der Indikationsstellung, folgt einer Einstellungsphase und wird durch regelmäßige Verlaufskontrollen überprüft, bis die Ärztin oder der Arzt sie anpasst oder beendet.

Redaktion · fachliche Prüfung ausstehendStand 19.10.2026Rechtsstand 19.10.2026
Helles Wartezimmer einer Arztpraxis mit Sesseln und Pflanzen
Inhaltsverzeichnis
  1. Was ist eine Cannabis-Therapie im rechtlichen Sinn?
  2. Wie läuft die Indikationsstellung ab?
  3. Was geschieht in der Einstellungsphase?
  4. Wie funktioniert die Verlaufskontrolle?
  5. Welche Kosten entstehen bei einer Cannabis-Therapie?
  6. Welche Rolle spielt die Fachrichtung der Ärztin oder des Arztes?
  7. Was gilt nach dem 30.07.2026 für Patientinnen und Patienten, die bereits mit Blüten behandelt werden?
  8. Wie lässt sich der Ablauf in einer Übersicht darstellen?
  9. Was gehört zu einer guten Dokumentation der Therapie?
  10. Wie belastbar ist die Datenlage?
  11. Welche rechtlichen Punkte sollten Sie kennen?
  12. Ärztliche Beratung (Telemedizin) und Rechtslage
  13. Häufige Fragen
  14. Quellen und Dokumente

Das Wichtigste in Kürze

  • Verschreiben dürfen Cannabis zu medizinischen Zwecken nur Ärztinnen und Ärzte (§ 3 Abs. 1 MedCanG), abgegeben wird es nur in Apotheken.
  • Die Therapie ist ein ärztlich begleiteter Versuch: Wirkung und Verträglichkeit werden laufend bewertet, ein Abbruch gehört dazu.
  • Seit 30.07.2026 sind Cannabisblüten nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig; Extrakte, Dronabinol und Nabilon bleiben unter Voraussetzungen möglich.
  • Die Datenlage zur Wirksamkeit ist je nach Erkrankung unterschiedlich und überwiegend von niedriger Sicherheit.

Was ist eine Cannabis-Therapie im rechtlichen Sinn?

Das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) versteht unter „Cannabis zu medizinischen Zwecken“ Pflanzen und Pflanzenteile der Gattung Cannabis aus staatlich kontrolliertem medizinischem Anbau, einschließlich Delta-9-THC (auch Dronabinol) und Zubereitungen daraus. Das Gesetz gilt seit dem 01.04.2024; die Begriffe stehen in § 2 des Gesetzes.

Nach § 3 Abs. 1 MedCanG darf Cannabis zu medizinischen Zwecken nur von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden. Zahnärztinnen, Zahnärzte sowie Tierärztinnen und Tierärzte sind davon ausgenommen. An Endverbraucher wird das verschriebene Cannabis nur im Rahmen des Betriebs einer Apotheke gegen Vorlage der Verschreibung abgegeben (§ 3 Abs. 2 MedCanG). Einen Überblick über Wirkstoffe, Darreichungsformen und Recht finden Sie auf der Seite Medizinisches Cannabis.

Wie läuft die Indikationsstellung ab?

Am Anfang steht die ärztliche Prüfung, ob eine Cannabis-Therapie im Einzelfall vertretbar ist. Eine Positivliste von Erkrankungen gibt es nicht, und es besteht kein Anspruch auf ein Rezept. Ärztinnen und Ärzte dürfen eine Verordnung ablehnen, wenn sie diese nicht für vertretbar halten.

Geprüft werden üblicherweise:

  • Diagnose und Schweregrad der Erkrankung
  • bisherige Behandlungen: Was wurde versucht, was hat nicht ausreichend gewirkt oder wurde nicht vertragen?
  • Begleiterkrankungen und aktuelle Medikamente, auch frei verkäufliche
  • mögliche Risiken, Wechselwirkungen und Gegenanzeigen
  • die Frage, welche Zubereitung (Blüten, Extrakt, Dronabinol oder ein Fertigarzneimittel) in Betracht kommt

Soll die gesetzliche Krankenversicherung zahlen, gelten zusätzlich die Voraussetzungen des § 31 Abs. 6 SGB V. Laut KV Westfalen-Lippe sind das eine schwerwiegende Erkrankung, das Fehlen einer verfügbaren Standardtherapie und eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung. Nach Urteilen des Bundessozialgerichts von 2022 muss die Beeinträchtigung konkret beschrieben und die Evidenz dargelegt werden. Details zu den Prüfpunkten stehen unter Voraussetzungen für ein Cannabis-Rezept.

Was geschieht in der Einstellungsphase?

In der Einstellungsphase legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt Präparat, Darreichungsform und Dosierung fest und beobachtet, wie die Behandlung vertragen wird. Konkrete Dosierungsschemata nennen wir bewusst nicht: Sie hängen vom Präparat, von der Erkrankung und von Ihren Begleitumständen ab und gehören in die ärztliche Hand und in die Fachinformation.

Bei Extrakten und Dronabinol muss das Rezept laut KV Westfalen-Lippe Wirkstoffgewicht, Darreichungsform, Menge in Gramm und Gebrauchsanweisung enthalten. Nabilon unterliegt weiterhin dem Betäubungsmittelrecht und braucht ein Betäubungsmittelrezept.

Für gesetzlich Versicherte, die neu eingestellt werden, beginnt die Behandlung nach Angaben der KV Westfalen-Lippe mit einem zugelassenen Fertigarzneimittel über einen sechsmonatigen Therapieversuch. Ist dieses unwirksam oder nicht verträglich, muss kein zweites Fertigarzneimittel folgen. Diese Regel betrifft die Verordnung zulasten der Krankenkasse; für Privatrezepte gilt sie nicht automatisch.

Wie funktioniert die Verlaufskontrolle?

Die Verlaufskontrolle ist der Kern einer verantwortungsvollen Therapie. Wirkung und Verträglichkeit werden ärztlich bewertet, die Behandlung wird angepasst, fortgesetzt oder beendet. Die Zahlen aus der Begleiterhebung des BfArM zeigen, wie häufig Therapien tatsächlich enden: In der Zwischenauswertung (10.010 vollständige Datensätze, Datenstand 11.05.2020) brachen 35 % der Patientinnen und Patienten die Behandlung innerhalb eines Jahres ab. Häufigster Grund war eine unzureichende Wirkung (39 % der Abbrüche), gefolgt von Nebenwirkungen (25 %).

Als Nebenwirkungen nennt die Auswertung unter anderem Müdigkeit, Schwindel, Schläfrigkeit, Mundtrockenheit und Übelkeit. Seltener, aber potenziell schwerwiegend wurden Depression (1,3 %), Halluzinationen (0,8 %) und Wahnvorstellungen (0,4 %) gemeldet. Die Einschätzungen stammen von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten und lassen sich nicht von Placebo- oder Suchteffekten trennen. Mehr dazu unter Nebenwirkungen und Risiken und Fahrtüchtigkeit und Alltag.

Welche Kosten entstehen bei einer Cannabis-Therapie?

Wer zahlt, hängt vom Präparat und von der Verordnungsform ab. Seit dem 30.07.2026 sind Cannabisblüten nach dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig. Laut KV Baden-Württemberg ist eine Weiterverordnung nur noch auf Privatrezept möglich; laut KV Westfalen-Lippe gilt das auch für bereits genehmigte Therapien.

ZubereitungKasse (GKV) seit 30.07.2026Hinweis
Cannabisblütennicht mehr verordnungsfähignur Privatrezept, Kosten trägt die Patientin oder der Patient
Standardisierte Extrakteunter den Voraussetzungen des § 31 Abs. 6 SGB V möglichggf. Genehmigung der Krankenkasse nötig
Dronabinolunter den Voraussetzungen möglichRezeptangaben siehe oben
Nabilonunter den Voraussetzungen möglichBetäubungsmittelrezept

Ob die Krankenkasse vorab genehmigen muss, regelt die Arzneimittel-Richtlinie. Seit dem 17.10.2024 entfällt der Genehmigungsvorbehalt, wenn die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt eine der in Anlage XI genannten Qualifikationen besitzt, etwa Allgemeinmedizin, Anästhesiologie, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie oder die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin oder Spezielle Schmerztherapie. Eine freiwillige Genehmigung bleibt möglich und dient der Vorsorge gegen Regress. Preise nennen wir nicht, weil sie je Produkt und Apotheke abweichen und wir keinen belastbaren Wert belegen können. Zu Zuzahlung, Erstattung und Ablehnung lesen Sie Kostenübernahme durch die Krankenkasse und Eigenanteil und Zuzahlung.

Welche Rolle spielt die Fachrichtung der Ärztin oder des Arztes?

Das MedCanG verlangt keine bestimmte Fachrichtung. In der Praxis zeigt die Begleiterhebung des BfArM, wer verordnet hat: In der Zwischenauswertung stellte die Anästhesiologie 49 % der Verordnungen, die Allgemeinmedizin 17 %. Patientinnen und Patienten mit Cannabisblüten wurden häufiger von Hausärztinnen und Hausärzten behandelt und häufiger wegen anderer Beschwerden als Schmerz, Spastik oder Appetitlosigkeit.

Für die Kasse spielt die Fachrichtung eine Rolle: Die Vorabgenehmigung entfällt seit dem 17.10.2024, wenn die Qualifikation in Anlage XI der Arzneimittel-Richtlinie genannt ist. Bei ambulanter Palliativversorgung (AAPV) und bei Verordnungen nach einer Krankenhausbehandlung bleibt es laut KV Westfalen-Lippe bei der Genehmigungspflicht; die Entscheidung der Kasse soll dann innerhalb von drei Tagen fallen. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ist ausgenommen.

Was gilt nach dem 30.07.2026 für Patientinnen und Patienten, die bereits mit Blüten behandelt werden?

Die KV Baden-Württemberg weist darauf hin, dass der Gesetzesbeschluss keine Ausnahmen für bereits genehmigte, laufende Therapien vorsieht; eine Weiterverordnung von Blüten ist nur noch auf Privatrezept möglich. Vor jeder Umstellung auf ein anderes Cannabisarzneimittel soll die Ärztin oder der Arzt prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Cannabis-Therapie weiterhin vorliegen. Für Fachgruppen mit Genehmigungspflicht ist beim Wechsel von Blüten auf ein anderes Präparat ein neuer Antrag bei der Krankenkasse nötig. Fachgruppen ohne Genehmigungspflicht können freiwillig einen Kostenübernahmeantrag stellen, was die KV in unklaren Fällen empfiehlt.

Wer bereits Extrakte oder Dronabinol mit Genehmigung erhält, muss laut KV Westfalen-Lippe nicht auf ein Fertigarzneimittel umstellen. Übergangsfristen beschreibt die Quelle der KV Baden-Württemberg nicht. Fragen zur persönlichen Situation klären Sie mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt und Ihrer Krankenkasse.

Wie lässt sich der Ablauf in einer Übersicht darstellen?

PhaseWas geschiehtWer ist beteiligt
IndikationsstellungPrüfung von Diagnose, Vorbehandlung, Risiken und ZubereitungÄrztin oder Arzt, Patientin oder Patient
KostenfragePrivatrezept oder Kassenleistung, ggf. Antrag bei der KrankenkassePraxis, Krankenkasse
Verschreibung und AbgabeRezept mit den vorgeschriebenen Angaben, Abgabe in der ApothekePraxis, Apotheke
EinstellungBeginn der Behandlung unter ärztlicher BeobachtungÄrztin oder Arzt, Patientin oder Patient
VerlaufskontrolleBewertung von Wirkung und Verträglichkeit, Anpassung oder BeendigungÄrztin oder Arzt, Patientin oder Patient

Was gehört zu einer guten Dokumentation der Therapie?

Ärztinnen und Ärzte dokumentieren Indikation, Präparat, Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungen in der Patientenakte. Bei Kassenleistungen verlangt die Krankenkasse laut KV Westfalen-Lippe eine konkrete Beschreibung der Beeinträchtigung und die Darlegung der Evidenz; ein standardisierter Arztfragebogen erfasst die wichtigsten Daten (KV Baden-Württemberg). Sie selbst können helfen, indem Sie Beschwerden, Einnahmezeitpunkte und Veränderungen notieren und zu den Verlaufsterminen mitbringen.

Wie belastbar ist die Datenlage?

Eine Therapie ist kein Wirkversprechen. Das Cochrane-Update von 2026 zu neuropathischen Schmerzen fand in 21 Studien keine hochwertige Evidenz, dass Cannabis-Präparate besser lindern als Placebo. Bei Spastik durch Multiple Sklerose bewertet ein Cochrane-Review von 2022 die Wirkung von Nabiximols auf kurze Sicht als wahrscheinlich. Die Hintergründe und Grenzen erklären wir auf der Seite Studienlage zu medizinischem Cannabis. Auch die Autoren der BfArM-Auswertung folgern, Cannabisarzneimittel sollten wegen der begrenzten Evidenz und des Nebenwirkungsprofils nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden, wenn andere Mittel nicht wirken oder nicht eingesetzt werden können.

Welche rechtlichen Punkte sollten Sie kennen?

  • Rechtsgrundlage ist das MedCanG, in Kraft seit 01.04.2024 (Gesetzestext: MedCanG im Wortlaut).
  • Die ärztliche Verschreibung folgt den §§ 2 und 4 der Arzneimittelverschreibungsverordnung entsprechend; Abgabe nur in der Apotheke gegen Vorlage.
  • Für die Teilnahme am Straßenverkehr gilt § 24a StVG; Fahrunsicherheit bleibt unabhängig von einer Verordnung ein Problem. Sprechen Sie das offen in der Praxis an.
  • Gesetzesänderungen sind laufend im Fluss: Aktuelles steht unter Gesetzesänderungen.

Ärztliche Beratung (Telemedizin) und Rechtslage

Ob das ärztliche Gespräch in der Praxis oder per Video stattfindet, ist rechtlich ein eigenes Thema. In der abgerufenen Fassung des § 3 MedCanG (gültig ab 01.04.2024) steht kein ausdrückliches Verbot telemedizinischer Verschreibung. Ein Gesetzentwurf (BT-Drs. 21/3061) sieht dagegen vor, dass medizinisches Cannabis nur nach persönlichem Kontakt in der Praxis verschrieben werden darf und der Versand untersagt wird. Der Entwurf ist kein geltendes Recht, sein Ausgang ist nach unserer Recherche nicht bestätigt. Einzelheiten, Verfahrensstand und neutrale Prüffragen finden Sie auf der Seite Online-Rezept und Telemedizin. Wir vermitteln keine Ärzte und keine Anbieter.

Status: Entwurf. Die geplanten Einschränkungen zu Telemedizin und Versand (BT-Drs. 21/3061) sind nicht geltendes Recht. Stand der Recherche 19.10.2026, bitte aktuellen Stand prüfen.

Häufige Fragen

Quellen und Dokumente