Übernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung

Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt Cannabis seit dem 30.07.2026 nur noch in Form von Extrakten in standardisierter Qualität sowie als Arzneimittel mit Dronabinol oder Nabilon, nicht mehr als Blüten. Hier steht, unter welchen Voraussetzungen die Kasse zahlt, was für bestehende Therapien gilt und welche Fragen ungeklärt sind.

Redaktion · fachliche Prüfung ausstehendStand 19.10.2026Rechtsstand 19.10.2026
Motiv zur Gesetzesänderung: GKV-Aus für Cannabisblüten
Inhaltsverzeichnis
  1. Was übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung bei Cannabis?
  2. Welche Voraussetzungen gelten für den Anspruch?
  3. Braucht die Verordnung eine Genehmigung der Krankenkasse?
  4. Was bedeutet der sechsmonatige Therapieversuch mit einem Fertigarzneimittel?
  5. Was gilt für bestehende Therapien mit Blüten?
  6. Wer darf ohne Genehmigung der Krankenkasse verordnen?
  7. Was ist noch offen?
  8. Wie hängt das mit dem Privatrezept zusammen?
  9. Häufige Fragen
  10. Quellen und Dokumente

Das Wichtigste in Kürze

  • Blüten: kein GKV-Anspruch mehr seit 30.07.2026; bisher erteilte Genehmigungen verlieren laut KV Bayerns ihre Gültigkeit.
  • Weiter möglich: Extrakte in standardisierter Qualität sowie Arzneimittel mit Dronabinol oder Nabilon, bei schwerwiegender Erkrankung und nach den Voraussetzungen des § 31 Abs. 6 SGB V.
  • Neue Therapien: Die Gesetzesfassung sieht zunächst einen sechsmonatigen Therapieversuch mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel vor.
  • Die erste Verordnung braucht in der Regel die Genehmigung der Kasse; sie darf nur in begründeten Ausnahmefällen abgelehnt werden.
  • Offen: Anpassung der Arzneimittel-Richtlinie, Auslegung zum Therapieversuch (KBV und GKV-Spitzenverband uneinig), Abgrenzung zu reinen CBD-Produkten.

Was übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung bei Cannabis?

Maßgeblich ist § 31 Abs. 6 SGB V in der Fassung des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes vom 24.07.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 228), in Kraft getreten am 30.07.2026. Danach haben Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon. Getrocknete Blüten nennt der Wortlaut nicht mehr.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schreibt in ihrer Klarstellung vom 18.08.2026, der bisherige Leistungsanspruch auf Cannabis in Form von getrockneten Blüten entfalle grundsätzlich; eine ärztliche Verordnung der getrockneten Blüten zulasten der GKV sei nicht mehr möglich. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (Stand 04.09.2026) ergänzt, auch bisher von der Krankenkasse erteilte Genehmigungen für Blüten verlören ihre Gültigkeit. Die KV Baden-Württemberg weist darauf hin, dass der Gesetzesbeschluss Ausnahmen für bereits genehmigte und laufende Therapien nicht vorsehe, und dass eine Weiterverordnung von Blüten nur noch auf Privatrezept möglich sei.

VerordnungsformZulasten der GKV?Quelle und Hinweis
Getrocknete CannabisblütenNein, seit 30.07.2026KBV (18.08.2026), KV Bayerns (04.09.2026), KV Baden-Württemberg; Weiterverordnung nur auf Privatrezept
Extrakte in standardisierter QualitätJa, bei Erfüllung der Voraussetzungen§ 31 Abs. 6 Satz 1 SGB V; KV Bayerns nennt mindestens 0,2 % THC laut Arzneimittel-Richtlinie
Arzneimittel mit Dronabinol oder NabilonJa, bei Erfüllung der Voraussetzungen§ 31 Abs. 6 Satz 1 SGB V
Reine CBD-ProdukteVon dieser Regelung nach KV Bayerns nicht erfasstAbgrenzung über Grenzwert laut KV Bayerns aus Sicht des G-BA erforderlich

Welche Voraussetzungen gelten für den Anspruch?

Nach § 31 Abs. 6 Satz 1 SGB V müssen zwei Bedingungen zusammenkommen. Erstens: Eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung steht nicht zur Verfügung, oder sie kann im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung der behandelnden Vertragsärztin oder des Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes nicht zur Anwendung kommen. Zweitens: Es besteht eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome.

  • Schwerwiegende Erkrankung: Die KV Bayerns beschreibt sie als lebensbedrohlich oder als eine Erkrankung, die die Lebensqualität aufgrund der Schwere der Gesundheitsstörung dauerhaft nachhaltig beeinträchtigt, und verweist auf BSG, Urteil vom 10.11.2022 (B 1 KR 28/21 R).
  • Standardtherapie nicht verfügbar oder nicht anwendbar: Nach der KV Bayerns ist das etwa der Fall, wenn es sie generell nicht gibt, wenn der Patient sie nachgewiesenermaßen nicht verträgt oder erhebliche Risiken bestehen oder wenn sie trotz ordnungsgemäßer Anwendung ohne Erfolg geblieben ist.
  • Prognose: Die KV Bayerns zitiert die BSG-Rechtsprechung, nach der an die Prognose der Erfolgsaussicht keine hohen Anforderungen zu stellen sind.
  • Wirtschaftlichkeit: Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein (§ 12 SGB V). Laut KV Bayerns wollen nach ihren Feststellungen Krankenkassen die Wirtschaftlichkeit auch nach einer Genehmigung prüfen.

Braucht die Verordnung eine Genehmigung der Krankenkasse?

Ja, in der Regel. Nach § 31 Abs. 6 Satz 3 SGB V bedarf die erste Verordnung für eine Versicherte oder einen Versicherten der Genehmigung der Krankenkasse, die nur in begründeten Ausnahmefällen abzulehnen ist. Das gilt nicht, wenn die Leistung von einer oder einem vom Gemeinsamen Bundesausschuss bestimmten Fachärztin oder Facharzt verordnet wird. Die Genehmigung ist vor Beginn der Leistung zu erteilen (Satz 4). Die Entscheidungsfristen betragen zwei Wochen, mit gutachtlicher Stellungnahme vier Wochen, in Sonderfällen drei Tage (Sätze 5 bis 7). Einzelheiten stehen auf der Seite Ablehnung und Widerspruch.

Keine erneute Genehmigung ist nach Satz 8 nötig, wenn allein die Dosierung angepasst wird oder zu einem anderen Extrakt in standardisierter Qualität gewechselt wird. Beim Wechsel zu einer anderen Art von Cannabisarzneimittel, etwa von Dronabinol zu Extrakten, nennt die KV Bayerns dagegen eine erneute Genehmigung als erforderlich. Welche Fachgruppen von der Genehmigungspflicht ausgenommen sind, regelt der Gemeinsame Bundesausschuss in der Arzneimittel-Richtlinie; die KV Bayerns verweist hierzu auf Tabellen in ihrer Information und nennt als Stichtag für die bisherige Ausnahmeregelung den 17.10.2024.

Was bedeutet der sechsmonatige Therapieversuch mit einem Fertigarzneimittel?

§ 31 Abs. 6 Satz 2 SGB V bestimmt: Die vertragsärztliche Versorgung hat zunächst mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel im Rahmen eines sechsmonatigen Therapieversuchs zu erfolgen. Erst danach kann nach Darstellung der KV Bayerns eine weiterführende Therapie mit anderen Cannabisarzneimitteln zulasten der Kasse erfolgen. Die KV Bayerns betont, dies gelte lediglich für Neueinstellungen ab dem 30.07.2026; wer schon zuvor mit Cannabisarzneimitteln behandelt wurde, müsse nicht auf ein Fertigarzneimittel umgestellt werden.

Hier gibt es einen belegten Dissens: Die KBV hat am 18.08.2026 ihre Auslegung geändert. Sie vertritt nun, dass bei einem erstmaligen Therapieversuch in jedem Fall zunächst ein cannabishaltiges Fertigarzneimittel zu verordnen sei, auch außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete, und empfiehlt einen Off-Label-Antrag. Die bisher gemeinsam mit dem GKV-Spitzenverband geteilte Auffassung, dies gelte nur für die zugelassenen Indikationen, vertritt die KBV nicht mehr. Zwischen KBV und GKV-Spitzenverband besteht dazu derzeit keine übereinstimmende Auffassung. Verträgt jemand das Fertigarzneimittel nicht oder erweist es sich als unwirksam, ist nach KBV eine direkte Umstellung auf einen Extrakt oder ein anderes cannabishaltiges Arzneimittel möglich.

Die Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundesausschuss hält die Voraussetzungen des Therapieversuchs für ungeklärt (Pressemitteilung vom 02.09.2026). Für Sie heißt das: Fragen Sie vor einer Verordnung in der Praxis und bei der Krankenkasse, wie der Therapieversuch in Ihrem Fall gehandhabt wird, und lassen Sie sich die Auskunft der Kasse schriftlich geben.

Was gilt für bestehende Therapien mit Blüten?

Nach den vorliegenden Quellen verlieren Genehmigungen für Cannabisblüten ihre Gültigkeit (KV Bayerns). Die Weiterverordnung ist nur noch privat möglich (KV Baden-Württemberg). Ein Wechsel auf ein anderes cannabishaltiges Arzneimittel zulasten der Kasse erfordert nach KBV grundsätzlich eine erneute Genehmigung der Krankenkasse oder eine Verordnung durch eine vom Genehmigungsvorbehalt befreite Ärztin oder einen befreiten Arzt. Die Gründe des Wechsels sollen ärztlich dokumentiert werden. Die KV Baden-Württemberg rät dazu, vor einer Umstellung zu prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Cannabistherapie weiterhin erfüllt sind.

Die Patientenvertretung berichtet, dass in der Praxis teilweise auch Verordnungen von Dronabinol, Nabilon und Extrakten nicht ausgestellt oder gültige Rezepte nicht angenommen würden, obwohl diese nach dem Gesetzestext weiterhin zum Leistungsumfang gehören. Sie fordert Bestands- und Übergangsregelungen. Ob solche kommen, ist nach unserem Recherchestand vom 19.10.2026 nicht belegt.

Wer darf ohne Genehmigung der Krankenkasse verordnen?

Der Genehmigungsvorbehalt entfällt nach § 31 Abs. 6 Satz 3 SGB V, wenn die Leistung von einer oder einem vom Gemeinsamen Bundesausschuss nach Satz 9 bestimmten Fachärztin oder Facharzt verordnet wird. Der Gemeinsame Bundesausschuss regelt das Nähere zu einzelnen Facharztgruppen und zu deren erforderlichen ärztlichen Qualifikationen in den Richtlinien nach § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 SGB V. Die KV Bayerns weist darauf hin, dass es keinen Facharztvorbehalt für die Verordnung gibt: Alle Vertragsärztinnen und Vertragsärzte sind verordnungsbefugt. Ohne Genehmigung dürfen nur bestimmte Fachgruppen und Qualifikationen verordnen; für alle anderen gilt weiterhin, dass die Krankenkasse vor der ersten Verordnung zustimmen muss. Welche Gruppen das sind, steht in den Tabellen der KV-Information und in der Arzneimittel-Richtlinie.

Was ist noch offen?

  • Anpassung der Arzneimittel-Richtlinie durch den Gemeinsamen Bundesausschuss: laut KV Bayerns (04.09.2026) vorgesehen und „voraussichtlich zeitnah“ erwartet. Ein Ergebnis haben wir nicht belegt.
  • Auslegung des Therapieversuchs mit Fertigarzneimittel: KBV und GKV-Spitzenverband sind uneinig; die KBV versucht laut ihrer Klarstellung weiterhin, beim Bundesministerium für Gesundheit eine Klarstellung zu erwirken.
  • Erstattungsfähigkeit inhalierbarer Extrakte: Nach der Patientenvertretung legen Krankenkassen sie unterschiedlich aus, es komme teils zu Ablehnungen.
  • Abgrenzung reiner CBD-Blüten und CBD-Extrakte: Aus Sicht des G-BA ist laut KV Bayerns ein Grenzwert erforderlich; die KV Bayerns nennt in ihrer Information mindestens 0,2 % THC.
  • Gesetzentwurf BT-Drs. 21/3061 (unter anderem Telemedizin und Versand von Blüten): Entwurf, Ausgang nicht bestätigt. Einordnung auf der Seite aktueller Stand.

Wie hängt das mit dem Privatrezept zusammen?

Wer Cannabisblüten ärztlich verordnet bekommt, erhält sie seit dem 30.07.2026 nur noch auf Privatrezept, die Kosten tragen Sie dann selbst. Was ein Privatrezept ausmacht und wie die Zuzahlung bei Kassenrezepten berechnet wird, erklären die Seiten Privatrezept und Kosten und Eigenanteil und Zuzahlung. Preise nennen wir nicht, weil uns dazu keine belastbare, unabhängige Quelle vorliegt. Medizinische Fragen zur Therapie klären Sie mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt; diese Seite bietet keine Therapieempfehlung. Vertiefende Informationen zu den Wirkstoffen bietet die Seite Dronabinol und Nabilon.

Häufige Fragen

Quellen und Dokumente